Menschen und Geschichten

Grenzstadt im Aufbruch

Hohenems aus der Sicht eines Zugereisten

Hanno Loewy leitet seit 14 Jahren das Jüdische Museum in Hohenems. Eine Stadt an der Grenze – in vielerlei Hinsicht, sagt der gebürtige Frankfurter mit jüdischen Wurzeln. Er fühlt sich wohl in Hohenems, die Aufgabe, aus dem Museum eines kleinen Städtchens eine Institution mit Strahlkraft in die Welt zu machen, fesselt ihn, fordert seine Kreativität und sein Know-how. Und in Hohenems findet er einen fruchtbaren Boden für dieses Ziel, die Streitkultur der Hohenemser ist sprichwörtlich, gleichzeitig gibt es einen starken Pragmatismus, der dann wieder für produktive Lösungen sorgt. Den lebendigen intellektuellen Diskurs hat nicht zuletzt Hanno Loewy selbst, wenn nicht angezettelt, so doch deutlich mitgeprägt.

Hanno Loewy © Petra Rainer
Jüdisches Museum Hohenems © Dietmar Walser
Jüdisches Museum © Petra Rainer
„Wir freuen uns, dass auch Leute kommen, die sich gar nicht besonders für Kultur interessieren …“

Urbane Zonen schaffen

„Ganz Vorarlberg ist ein immer wieder zweideutiges Grenzland, das führt wie ein roter Faden durch die Geschichte, und in Hohenems verdichten sich diese Eigenschaften noch, daraus entsteht viel Gutes“, meint der Direktor des Hauses. „Die Diskussionen sind oft mühsam, aber ich bin zuversichtlich, dass die neuen Konzepte, die derzeit entstehen, einen urbanen Raum entstehen lassen. Die historische Bausubstanz gut in Szene zu setzen, mit moderner Gestaltung zu akzentuieren, den Verkehr zu reduzieren, Plätze zu schaffen, an denen sich die Menschen wohl fühlen – das alles lässt die Lebensqualität an einen Ort zurückkehren. Die Marktstraße und das ganze jüdische Viertel bieten da noch viele Möglichkeiten.“

Aus der Reserve locken

Auch aus Sicht der Museumsbesucher/innen hat Hohenems einiges zu bieten, das zeigt sich natürlich deutlich an den hohen Besucherzahlen und auch an der Tatsache, dass das Haus zum Zentrum für jüdische Kultur von Zürich bis München geworden ist. Zu den Ausstellungseröffnungen reisen die Besucher/innen regelmäßig bis zu zwei Stunden an. Die Angebote öffnen die Grenzen der üblichen Ausstellungsformate, es werden Führungen durch die Stadt angeboten, zum alten Friedhof oder beispielsweise entlang der grünen Grenze auf den Spuren von Paul Grüninger (ein Schweizer Polizist, der zahlreichen Flüchtlingen half) bis zur Brücke, an der sich so viele Schicksale entschieden haben. „Wir freuen uns, dass auch Leute kommen, die sich gar nicht besonders für Kultur interessieren, einfach weil wir beispielsweise ungewöhnliche Titel für unsere Ausstellungen finden. Darin liegt eine große Sogkraft. Die kommende Ausstellung heißt „Die ersten Europäer – Habsburger und andere Juden.“ Das überrascht und wir locken die Leute damit aus der Reserve. So ergeben sich gute Gespräche. Die Leute werden neugierig. Die Geschichte der Juden in Hohenems und in Österreich ist ja schwer zu greifen – einerseits ist es etwas, womit man sich identifizieren möchte, andererseits spürt man, dass einem diese Geschichte nicht so ganz gehört. Das erzeugt diese Mehrdeutigkeit, von der ich sprach“, sagt Hanno Loewy. „Die kann freilich in jede Richtung gehen –Offenheit und Toleranz sind ebenso vorhanden wie Xenophobie – und zwar jederzeit, manchmal auch in derselben Person.“

„Die Leute hier haben einen Sinn für Zweideutigkeiten. Deswegen mag ich den Ort so gerne …“
© Petra Rainer
Jüdisches Museum Hohenems © Petra Rainer
© Petra Rainer

Erfolgreich frech sein

Damit konstruktiv umzugehen, hat Hanno Loewy längst gelernt, sie liefert seiner eigenen Streitlust Nahrung. „Die Leute hier haben einen Sinn für Zweideutigkeiten. Deswegen mag ich den Ort so gerne“, sagt er schmunzelnd. „Wir gehen ungewöhnliche Wege, wir tun Dinge, die in anderen Jüdischen Museen nicht möglich sind, wir sind eigentlich auch frech, aber eben erfolgreich frech. Und hier erlebe ich, dass diese Frechheit selbst auf politischer Ebene mitgetragen wird.“

Gutes in die Welt tragen

Eine wesentliche Aufgabe der kleinen, aber bedeutenden Institution innerhalb der weltweit verstreuten jüdischen Community wird es sein, den Generationenwechsel gut zu begleiten. So fliegt beispielsweise Uri Tänzer, der Enkel von Aron Tänzer, aus New Jersey ein – für eine Ausstellungseröffnung.Die Kontakte vertiefen sich eher, als dass sie abreißen würden. Die Geschichte ändert sich nicht, aber ihre Vertreter/innen – und diese brauchen einen Ort der Identifikation, der Zugehörigkeit. Gut, dass es diesen Ort in Hohenems gibt – und wie gut, dass die Stadt angesichts einer solchen Vergangenheit heute in der Lage ist, Gutes entstehen zu lassen. „Unsere Arbeit hier hat inzwischen eine breite Akzeptanz, von der auch die Stadt Hohenems und das ganze Land profitieren“, berichtet der umtriebige Direktor. „Wir sind hier gar nicht mehr wegzudenken.“