Menschen und Geschichten

Fischer ist man aus
Leiden­schaft oder gar nicht

Seemannsgarn, von wegen. Fischer sein ist harte Arbeit.

Jäger, Sammler, Fischer – sie gehören zu den ältesten Berufssparten der Menschheit, und es gibt ihn immer noch, den Berufsfischer. Auch am Bodensee. „Junge Leute reagieren oft überrascht, wenn ich meinen Beruf verrate – sie glauben nicht, dass es Berufsfischer am Bodensee gibt!“, sagt Franz Blum junior, der Berufsfischer in 3. Generation in Fußach.

Franz Blum © Petra Rainer
Franz Blum © Petra Rainer
Franz Blum © Petra Rainer

Nein, ich möchte kein Fischer sein. Ich bin nicht dafür geeignet, früh­morgens bei Schneesturm auf den See zu schippern, um die Netze einzuholen. Ich hatte schon den Verdacht, dass der Beruf Fischer auf dem Bodensee kein Honig­schlecken sei. Aber was mir Franz Blum jun. berichtet, lässt auch meine letzte Illusion zerplatzen – die Illusion der beschaulichen Arbeit auf dem See, der Stille und der Ruhe inmitten unberührter Natur.

Ausschlafen? Ein Fremdwort.

Franz Blum liebt seinen Beruf, das betont er immer wieder. Er ist mit seinem Vater schon auf den See gefahren, als er noch Windeln trug. Aber was für seinen Vater noch möglich war – etwas mehr Zeit zu haben, die Natur zu ge­nießen, und vor allem mit besseren Fängen heimzukommen, das gehört der Ver­gangenheit an. Heute ist der Fischerberuf ein Kleinunternehmen mit Produk­tion, Vertriebsstrukturen, Marketing und einer wesentlichen Prise Kreativität.

Wer überleben will, braucht nicht nur eine tatkräftige Familie, die mit­hilft, er braucht auch Ideen und Strategien, beispielsweise um früher un­beliebte Fischarten ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Seit der Nährstoffgehalt im See so zurückgegangen ist, sind die Fangzahlen drastisch gesunken, der Bedarf hingegen gestiegen. Auch Rotauge, Brachse und Hecht werden gerne gegessen und gewinnen an Image. „Saibling, Felchen, Zander und Seeforellen sind natürlich beliebt, aber mein Lieblingsfisch ist der Hecht“, sagt Franz Blum, der seit einigen Jahren auch ein eigenes Bistro führt.

Bei uns in Vorarlberg hat alles Hand und Fuß,
der Qualitätsanspruch ist extrem hoch,
egal wo man hinschaut.
Franz Blum

 

 

Fränzle’s Bistro

Den fangfrischen Fisch direkt über dem See genießen – so lautet das Konzept der kleinen Gaststätte direkt am Seeufer, das mit einer Dachterrasse ausgestattet, den Gästen die hauseigenen Fisch­spezialitäten serviert. Neben einem Sortiment an geräucherten und ein­gelegten Delikatessen, auf das sich die Familie spezialisiert hat, ein wunder­bares Erlebnis am schönen Seeufer in der Fußacher Bucht, mit Blick auf schaukelnde Boote im gemütlichen Hafenambiente. Das ist der schöne Teil, der den Gästen vorbehalten ist. Der harte Arbeitsalltag, um all dies zu ermöglichen, sieht so aus:

In der Hochsaison klingelt der Wecker um drei Uhr dreißig, also mitten in der Nacht, um vier muss der Mann auf dem See sein. Ob mit Fieber, bei Sturmwarnung oder bei dichtem Nebel – der Fisch muss reingeholt werden und niemand kann ihm diese Arbeit abnehmen. Wenn es gut läuft, dann schafft er es bis etwa neun Uhr zurück in den Hafen – „Da muss ich allerdings ordentlich unter Strom arbeiten, sonst dauert das länger!“ – dann wird der Fang filetiert, Bestellungen an die Restaurants geliefert, die Ware verarbeitet und um 10 Uhr öffnet das Fränzle’s seine Türen. Hinter der Theke stehen seine zwei Schwestern sowie seine Mutter, auch seine junge Frau und der Vater helfen im Betrieb mit. Ein Tag in der Hochsaison endet um etwa 23 Uhr oder auch noch später. Während der Felchenschonzeit von Mitte Oktober bis Anfang Jänner geht es normalerweise ruhiger zu. Doch zur Zeit baut die junge Familie ein Eigenheim und auch im Bistro ist immr etwas zu tun. Das Bistro muss sich in Vorarlberg neben hochkarätigen Restaurants behaupten, da muss alles stimmen, vom Service bis zum Marketing.

„Bei uns in Vorarlberg hat alles Hand und Fuß, der Qualitätsanspruch ist extrem hoch, egal wo man hinschaut. Die Hektik, die damit verbunden ist, auch. Ich würde, was Lebensrhythmus und Natur angeht, sofort mit meinem Vater tauschen. Damals traf man selten jemanden an den Seeufern oder im Ried, heute wollen die Leute, die den ganzen Tag im Büro sitzen, am Abend oder an den Wochenenden raus, was ich gut verstehen kann. Das merkt man – überall wird es enger, auch in den abgelegenen Gegenden. Die hochgesteckten Ziele ein bisschen ruhiger und gelassener anzugehen wäre gut, würde den Menschen gut tun,“ sagt der Mann, der einen bis zu 20-Stunden Arbeitstag absolviert – und das über viele Monate.

Franz Blum © Petra Rainer
Franz Blum © Petra Rainer
Franz Blum © Petra Rainer

A Rubat und die Schönheit eines lauen Sommerabends

Franz Blum betreibt die Fischerei seit er 15 Jahre alt ist. „A Rubat“ nennt man in Fußach ein ordentliches Gewitter mit Wind. Davon hat er schon einige erlebt, die Situationen auf dem See sind oft gefährlich, die Sturmwarnung hält ihn nicht davon ab, sein Boot hinauszusteuern. Das Internet macht das Risiko immerhin kalkulierbarer, die Wettervorhersagen sind inzwischen so präzise, dass er gefährliche Windstärken besser vermeiden kann, außer bei Gewittern. Trotzdem ist der Bodensee ein gefährlicher See, es können sich plötzlich große Wellen bilden, der Wind kann drehen oder Nebel aus dem Nichts entstehen. Kollisionen mit anderen Schiffen sind bei Nebel eine große Gefahr und letzten Sommer hat ihn beispielsweise ein Hagelsturm überrascht, der Wind drehte plötzlich und kam mit Böenspitzen von bis zu 120 km/h vom Landesinneren. „Ich konnte selbst die Sturmlampe auf meinem Boot nicht mehr sehen, so musste ich im Rohrspitz unter einen überhängenden Baum flüchten und warten, bis das Ärgste vorbei ist.“

Ob er seinen kleinen Sohn auch schon mitnimmt? „Natürlich, dem macht das Spaß. Der darf bei Schönwetter schon mit raus, ich fahre am Abend noch einmal hinaus, um die Netze auszulegen und da gibt es natürlich auch diese schönen Momente auf dem See, die untergehende Sonne taucht alles in glühendes Rot, der See ist glatt und still. Das sind Augen­blicke, die man nie mehr vergisst. Ich liebe meinen Beruf – sonst würde ich das Arbeitspensum nicht schaffen,“ sagt der junge Vater eines Dreijährigen, der mit den Ausflügen auf den See bereits in vierter Generation mit dem Zauber der Fischerei infiziert wird.

www.fraenzles.at

  • Geigenbauer Johannes Schuricht © Petra Rainer

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