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Bregenzer Meisterkonzerte – Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

Eventdetails
Bregenz, Festspiel- und Kongresshaus Bregenz
Fr. 18.November 2022, 21:00 Uhr

Isabelle Faust, Violine

Johannes Brahms: „Tragische Ouvertüre“, d-Moll, op. 81


Allegro ma non troppo – Molto più moderato – Allegro ma non troppo

Antonín Dvořák: Konzert für Violine und Orchester, a-Moll, op. 53, B 96/108
Allegro ma non troppo
Adagio ma non troppo
Finale: Allegro giocoso, ma non troppo

Johannes Brahms (1833-1897) war lediglich acht Jahre älter als Antonín Dvořák (1841-1904). Dennoch kann der aus Deutschland stammende und in Wien bestens etablierte Künstler als Mentor des tschechischen Komponisten bezeichnet werden. Brahms hat die herausragenden Qualitäten der Musik von Antonin Dvořák, der bis dahin in der Öffentlichkeit wenig bekannt war, sofort erkannt. Insbesondere die „urwüchsigen“ musikalischen Ideen, die sein Kollege aus der osteuropäischen Volksmusik in die kompositorische Sprache überführte, erregten Aufmerksamkeit. So machte Brahms den renommierten Verleger Friedrich Simrock auf Antonín Dvořáks Musik aufmerksam.

Eng war Johannes Brahms auch mit dem Geigenvirtuosen Joseph Joachim befreundet. In seinem eigenen Violinkonzert hatte er bereits auf dessen Expertise vertraut. Dies tat ihm Antonín Dvořák gleich, auch er suchte den Rat des international gefeierten Geigenvirtuosen, allerdings mit einem eher unerfreulichen Ausgang.

Obwohl Brahms‘ „Tragische Ouvertüre“ und Dvořáks Violinkonzert im kompositorischen Ausdruck keine Beziehungen zueinander aufweisen, tragen sie doch ein gemeinsames Charakteristikum. Die eigentlichen Herzstücke und Höhepunkte der beiden Kompositionen sind deren Mittelteile.

Johannes Brahms, „Tragische Ouvertüre“, d-Moll, op. 81

Nikolaus Harnoncourt charakterisierte die Musik von Johannes Brahms treffend, als er betonte, die Ambivalenz zwischen fantasievoller Themenfindung und akademischem Suchen und das Spiel mit dramatischen Eruptionen und versöhnlicher Beschwichtigung seien Sinnbilder des kompositorischen Schaffens. Dieser Vergleich lässt sich in der „Tragischen Ouvertüre“ von Johannes Brahms gut nachvollziehen. Das Werk ist in direktem Anschluss an die „Akademische Ouvertüre“ entstanden, die Brahms als Dank für die 1880 verliehene Ehrendoktorwürde der Universität Breslau komponiert hatte. „Die eine weint, die andere lacht“ beschrieb der Komponist in Anspielung auf das Doppelgesicht der Antike, in der die Tragödie und die Komödie als weinende und lachende Masken dargestellt wurden, die beiden Ouvertüren.

Johannes Brahms wurde in Hamburg im Jahr 1833 als Sohn eines Stadtmusikanten geboren. Schon als Kind spielte er in Gaststätten und trug zum Unterhalt der Familie bei. Zu Beginn der 1850-er Jahre nahm er ein Engagement als Klavierbegleiter an und zog durch Europa zog. Für das weitere Künstlerleben richtungweisend wurde die Begegnung mit Robert Schumann im September 1853 in Düsseldorf.

Weil Brahms sowohl 1864 als auch 1869 bei der Bestellung einer neuen Leitung der Singakademie und des Philharmonischen Orchesters in Hamburg nicht berücksichtigt wurde, übersiedelte er nach Wien. Dort konnte er sich rasch etablieren und ihm wurde viel Anerkennung zuteil. Brahms komponierte die „Tragische Ouvertüre“ im Sommer 1880 in Bad Ischl, die Uraufführung fand am 26. Dezember mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter im Wiener Musikverein statt.

Oft wird die „Tragische Ouvertüre“ mit Beethovens „Coriolan Ouvertüre“ verglichen, weil die Werkanfänge einander in gewisser Weise ähnlich sind. Wirkungsvoll wird die „Tragische Ouvertüre“ mit zwei Orchesterschlägen eröffnet. Daran anschließend erklingen die beiden Hauptthemen, das eine getragen von tiefen Streichern, das andere heller und vom Klang der Holzbläser bestimmt. Der Musikwissenschaftlicher Armin Raab sieht im unbestimmten harmonischen Gefüge und im changierenden Charakter der Eingangspassage ein resignatives Zögern, das den Unterschied zwischen dem „Heroischen“ und dem „Tragischen“ sehr treffend in Musik fasse. Den Mittelteil kündigen naturhafte Klangbilder an. Die Durchführung der Themen ist in einem anderen Zeitmaß notiert, so dass eine dreiteilige Form entsteht. Schöne Klangfarbenspiele in kammermusikalischen Konstellationen prägen diesen langsamen Abschnitt. Aus dem Hauptthema modellierte Brahms ein punktiertes Thema, das an einen Trauermarsch erinnert und das Finale mitbestimmt. Nicht heroisch strahlend endet die „Tragische Ouvertüre“, sondern eher mit resignativer Zurückhaltung.

Antonín Dvořák: Konzert für Violine und Orchester, a-Moll op. 53

Über Vermittlung von Johannes Brahms erschienen beim renommierten Musikverlag Simrock die „Slawischen Tänze“ des bis dahin weitgehend unbekannten, tschechischen Komponisten Antonin Dvořák. Erfreulicherweise entpuppten sie sich als europaweiter Verkaufsschlager und brachten dem Verleger gute Einnahmen ein. Als Fritz Simrock im Jänner 1879 die Anfrage an den Komponisten richtete, ob er für ihn ein Violinkonzert schreiben wolle „recht originell, kantilenenreich und für gute Geiger sollte es bestimmt sein“, nahm er den Auftrag mit Freude an, machte sich sogleich an die Arbeit und bereits Ende des Sommers war das Konzert fertig komponiert.

Auf Anraten von Johannes Brahms holte Dvořák die Expertise des damals international vielbeachteten Geigers Joseph Joachim ein. Der Musiker hatte schon Brahms und Bruch beraten und deren Violinkonzerte uraufgeführt. Joseph Joachim war auch der Widmungsträger des Dvořák-Violinkonzertes und er sollte es zur Uraufführung bringen.

Der erste Entwurf des Violinkonzertes, den der 38-Jährige vorlegte, gefiel dem Geigenvirtuosen nicht. Sogleich schrieb Dvořák ein neues Werk. Doch auch von diesem zeigte sich Joseph Joachim nicht begeistert, wie er – nach zweijähriger Begutachtung – in einem Brief an den Komponisten bekundete.

Schließlich spielte nicht der viel gerühmte Geigenvirtuose die Uraufführung, sondern der tschechische Geiger Frantisek Ondricek mit dem Orchester des Prager Nationaltheaters unter der Leitung von Moric Anger. Das Werk fand große Zustimmung und Ondricek war es auch, der Dvořáks Violinkonzert in Wien und London bekannt machte.

Vor allem die Einbettung des Soloinstruments in den Orchesterpart und die tschechischen Volksweisen sind individuelle Wesensmerkmale des Violinkonzerts. Mit einem markanten Motiv im Orchester wird das Werk eröffnet. Diesen Gedanken greift die Solovioline auf und führt ihn in das melodische Hauptthema über. Der Violinpart bringt immer wieder ruhigere Ausdrucksweisen ein, setzt aber auch mit virtuos ausgestalteten Akkorden Akzente. Der für Dvořák so typische „slawischen Tonfall“ erklingt erstmals am Schluss des Eröffnungssatzes. Ohne Pause führt die Violine in den Mittelsatz über. Das gesangsvolle und naturhaft wirkende Adagio in F-Dur stellt das Herzstück des Violinkonzertes dar.

Mit einem kauzigen Motiv in hoher Lage leitet die Solovioline den Finalsatz ein. In einem humorvollen „Call und Response“ wird das Thema vom Orchester aufgenommen und weiter gereicht. Dominiert wird der virtuos ausgestaltete melodische Fluss von einem tschechischen Furiant, einem schnellen böhmischen Volkstanz. Zwischendurch erklingt auch eine Dumka im Stil einer slawischen Volksballade. So spielen elegische und fröhliche Abschnitte ganz im Sinne der Satzbezeichnung „Allegro giocoso“ die musikalischen Hauptrollen.

Text: Silvia Thurner