Menschen und Geschichten

Was man gibt,
kommt zurück.

Biohof Kohler, Buch

Ein Demeter-Zertifikat erwirbt man nicht so einfach. Die Vorgaben sind streng und man muss schon sehr überzeugte/r Bio-Bäuerin oder Bauer sein, um auch die eigenen Produkte lückenlos bei Demeter-zertifizierten Betrieben weiter verarbeiten zu lassen. In der Gemeinde Buch gibt es eine der seltenen Demeter-Landwirtschaften.

Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer

Der Drei-Generationen-Hof wurde schon von den Eltern im Jahr 1989 auf organisch-biologische Produktion umgestellt. Daniela und Anton Kohler übernahmen den Hof im Jahr 2006 und ließen ihn nach den Demeter-Richtlinien zertifizieren. Dabei ist es aber wesentlich wichtiger, das eigene Bewusstsein für einen naturbelassenen Kreislauf zu schärfen und im Einklang mit den Pflanzen zu wirtschaften, betont die Hausherrin über 11 Hektar Grünland und 15 Hektar Waldfläche. „Mir ist die Vielfalt wichtig, auch für den eigenen Bedarf“, meint sie, denn der wichtigste Hauptertrag der Landwirtschaft Kohler liegt nicht beim Ab-Hof-Verkauf oder den Einkünften vom Bregenzer Bauernmarkt, sondern in der weitgehenden Selbstversorgung.

Wir essen qualitativ hochwertigste Nahrungsmittel, die wir selbst ziehen. Da möchte ich keine Abstriche machen.
Daniela Kohler

 

Autonom vom Gemüse bis zum Möbel

Dazukaufen muss sie allenfalls Getreide, Butter und Öle. Die fünf Mutterkühe dürfen ihre Kälber säugen, bis diese kuhgemäß natürlich groß geworden sind. Selbst die Möbel werden aus dem eigenen Holz vom Bauern und gelernten Schreiner Anton Kohler gefertigt. Auch die fünf Hühner haben ein gutes Leben auf diesem Hof und die Enten, deren ehrenwerte Aufgabe die natürliche Reduktion der Schneckenpopulation ist, ebenfalls. Jetzt allerdings ist ein Punkt erreicht, an dem die Familie sich überlegen muss, ob sie das Zertifikat wirklich noch benötigen, denn der Weg bis zum nächsten Demeter-zertifizierten Metzger ist weit und die entsprechende Mosterei für den Saft von den 60 eigenen Obstbäumen, teilweise Hochstämme, ist auch schwer zu finden. Die regionalen Mostbetriebe pressen nämlich auch konventionelles Obst von anderen Höfen, und das würde genügen, um den Kohlers das Demeter-Siegel für dieses Produkt abzusprechen. „Außerdem kennen uns unsere Kunden längst, die wissen, dass wir sehr streng nach biologischen Kriterien wirtschaften“, sagt Daniela Kohler.

Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer
Wir brauchen nicht so viel, und vor allem brauche ich manchmal einfach Ruhe und Zeit, um den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren.
Söhne Wolfgang und Thomas

 

Wwoofer-Gäste und andere Exoten

Das ganzheitliche Denken hört natürlich nicht am eigenen Gartenzaun auf, und so ist es nicht erstaunlich, dass die Familie schon 1996, also ganz zu Beginn, beim Vorarlberger Tauschkreis dabei war – damals ein Zirkel Gleichgesinnter, die mit Warentausch eine Art alternatives Wirtschaftssystem betrieben. Aus diesen Anfängen ist längst ein erfolgreiches Unternehmen geworden mit zahlreichen alternativen Wirtschaftsmodellen, die die Region stärken. Dieses Denken möchte Daniela Kohler auch im eigenen Dorf stärken, es gäbe viele Aufgaben, die sich gemeinsam leichter und billiger bewältigen ließen. „Es ist Zeit für gemeinsames Tun“, findet die engagierte Mutter dreier Kinder. „Allein eine simple Liste mit all den Erzeugnissen aus Buch würde schon vernetzen, denn ich weiß nicht, was ich in Buch alles ab Hof kaufen könnte. Und nicht alle kennen unsere Produkte.“ Auch die nachfolgende Generation ist längst in die Landwirtschaft integriert, die Jüngste, die 10-jährige Angelina, kümmert sich vorwiegend um die Kräuter-Ernte und die Wwoofer-Gäste (World Wide Opportunities on Organic Farms), die hier regelmäßig für Arbeit Kost und Logis erhalten. Als Wwoofer-Managerin ist sie den Umgang mit allerlei Mentalitäten gewohnt und übt dabei ihre Fremdsprachenkenntnisse – vor allem aber weiß sie genau, wann es welche Aufgaben zu verteilen gilt und wer von den neuen Mitarbeiter-Gästen überhaupt dafür in Frage kommt. Die beiden 18- und 20-jährigen Söhne Wolfgang und Thomas konzentrieren sich derzeit auf ihre Ausbildung, helfen aber überall mit, wo es notwendig ist. „Wir haben auch schon Kräuterführungen und Vorträge angeboten, aber jetzt fahren wir alles etwas zurück. Wir brauchen nicht so viel, und vor allem brauche ich manchmal einfach Ruhe und Zeit, um den Blick fürs Ganze nicht zu verlieren.“ So spricht jemand, der von der Natur gelernt hat, mit den Pflanzen zu kommunizieren und sich bei den Naturgeistern für die Ernte zu bedanken.

Talente Vorarlberg und die alternative Wirtschaft

Was man gibt, kommt zurück. So funktioniert die Natur, aber auch die Idee der Talente Vorarlberg, die aus dem früheren Tauschkreis entstand – beim Marktstand oder ab Hof werden bei Kohlers auch Talente in Zahlung genommen. Ihre Erfahrung mit dieser Währung zeigt deutlich, womit die Etablierung einer alternativen Geldwirtschaft lange zu kämpfen hat, bis sie die kritische Masse erreicht – ab dann boomt sie. Wer regelmäßig Talente verdient und sie nicht ausgeben kann, hat ein Problem. Wer als selbstständig Arbeitende/r Fixkosten in Euro zu bestreiten hat, wird mit Talenten nicht lange durchhalten. Aber: Sie setzen sich durch, langsam und stetig steigt ihre Verbreitung, immer mehr neue Betriebe kommen dazu, und irgendwann ist das Netz so dicht, dass die Währung überall ausgegeben werden kann. Ist der Kreislauf einmal in Gang, begreifen die Menschen schnell seine Vorteile, wie etwa auch den zinsfreien Talente-Kredit. Wer seine „Talente“ auf dem Markt anbietet, verdient welche – sei es durch Warenverkauf oder Dienstleistungen, die unabhängig ihrer Art pro Stunde mit 100 Talenten verrechnet werden.

Die Grundidee geht davon aus, dass die Stunde einer Reinigungskraft genauso wertvoll ist wie die Stunde einer Rechtsanwältin. Die Talente haben beeindruckende Umsatzzahlen in Vorarlberg, jährlich bewegen sie sich bei ca. 3 Millionen Euro. Es ist einer der europaweit erfolgreichsten, alternativen Geldflüsse und findet viele Interessierte weit über die Landesgrenzen. Überaus erfolgreich hat sich beispielsweise die Dorfwährung Langenegger etabliert. Diese kann man nur im gleichnamigen Dorf Langenegg ausgeben, was die Kaufkraft im Ort behält und die lokale Wirtschaft stärkt. Das führt zu höherer Lebensqualität, weil sich dadurch der kleine Nahversorger halten kann – was wiederum zur Folge hat, dass auch ältere Menschen noch selbstständig Einkaufen gehen und länger unabhängig bleiben – was wieder erwiesenermaßen ein wesentlicher Faktor für Lebensfreude ist.

 

Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer
Biohof Kohler © Petra Rainer

Der Blick auf das Ganze

Auf dem Biohof Kohler ist man überzeugt von der Notwendigkeit solcher Systeme, da sie die regionalen Strukturen stärken. Schwerpunkt-Thema 2015 bei Talente Vorarlberg ist ein Zeitvorsorge-Modell, das beispielsweise in Japan eine wichtige Grundlage der Altenbetreuung darstellt. Wer in jungen Jahren Zeit investiert für die Betreuung von Familienmitgliedern oder Nachbarn, er-hält die Stunden auf einem Zeitkonto vermerkt. Im Alter ist dieses Habenkonto in Form von Zeit von der nachfolgenden Generation konsumierbar. Daniela Kohler war über viele Jahre Ansprechperson für die Region Bregenz – sie kennt die Vor-teile und Hürden eines solchen Projektes. Aber es gibt eben noch andere Baustellen in einer Gesellschaft, die sich immer weiter entfernt von Ruhe und Zeit für den Blick auf das Ganze. Und weil sie sich diesen Blick leistet, legt Frau Kohler großen Wert auf die Erhaltung alter Gemüse-Sorten und Tierrassen. Diese sind oft robuster und weniger anfällig für Krankheiten – aber sie sind vom Aussterben bedroht. Schön, dass die Familie Kohler lieber den eigenen Bienen-honig erntet und das eigene Holz verarbeitet, während andere Leute Fernreisen machen, um sich vom Berufsstress zu erholen.